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Was sind Sagen?

Der Begriff «Sage», so wie er heute verwendet wird, ist seit der Romantik bekannt. Die Gebrüder Grimm verwendeten diesen Begriff für mündliche Erzählungen, die - anders als etwa beim Märchen - durch Datierung und (vor allem) lokale Gebundenheit einen erhöhten Anspruch auf Realität erheben sollten. In ihrer zweibändigen Sammlung von deutschen Sagen, die in den Jahren 1816 und 1818 erschien, schreiben die Gebrüder Grimm in der Vorrede von Spuren und Trümmern der Vorzeit. Die Sagensammlung sollte dem gelehrten oder aber zumindest gebildeten Leser mythologische und historische Beiträge liefern.

Betrachtet man die Bandbreite der Themen in der Sagenwelt Europas, ist es allerdings nicht einfach, die Sage als Gattung abzugrenzen. Die Inhalte laufen weit auseinander. Das ist bei der Anzahl von ätiolischen Sagen, die Unverständliches oder Deutungsbedürftiges der eigenen Lebenswelt (Bodendenkmäler, Gelände- oder Felsformationen, Bildwerke, Bauten, Namen) erklären oder deuten wollen, und bei weitem den größten Teil der bekannten Sagen ausmachen, leicht einsehbar.
Die Sage kommt aus dem Menschen heraus. Durch ihre lokale Gebundenheit entsteht mit dem Leser, der Leserin sofort eine Verbindung: Man kann sich orientieren, sich den Ort des Geschehens vorstellen, Bilder der eigenen Heimat entstehen. Zudem sind die Ängste, Nöte und Träume der Vorfahren, die in den Sagen dargestellt sind, oft auch die eigenen. Etwa die Angst vor dem Tod, die Angst, alleine nachts durch unbewohntes Gebiet zu gehen, die Angst vor Friedhöfen und den Toten usw.
Aus diesem Grund ist die Nachfrage nach sogenannten «Sagenbüchern» ungebrochen gross. Der Erfolg von Publikationen mit modernen Sagen in den vergangenen Jahren beweist dies eindrücklich.

In unserer Gegend erschien bereits 1858, also schon 40 Jahre nach der Sammlung der Gebrüder Grimm die erste Sagensammlung in Buchform («Die Sagen Vorarlbergs» von Franz Josef Vonbun, 1950 von Richard Beitl neu herausgegeben). In dieser Sammlung sind auch liechtensteinische Sagen enthalten. Eines der ersten Zeugnisse für die Schriftlichkeit der Sagen in Liechtenstein ist die Aufzeichnung der Sage vom «Weidmann» in einem Triesenberger Schulheft (um 1860).

Im 20. Jahrhundert finden sich dann einige Sagensammlungen. Albert Schädler (1916) und Eugen Nipp (1924) sind die ersten Sagensammler Liechtensteins, die ihre Aufzeichnungen auch publizierten. Eine sehr verbreitete Sagensammlung erschien 1948: H. F. Walsers «Sagenumwobene Heimat» hat viele Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner in den fünfziger Jahren begleitet.

Die erste und einzige Sammlung, die Anspruch auf Vollständigkeit erhob, erschien 1965. Der Vaduzer Lehrer Otto Seger sammelte die Sagen mit Schülern der Realschule und publizierte sie im Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. Ein paar Jahre später (1973) hatte er der Sammlung bereits einen quantitativ nicht unbedeutenden Nachtrag beizustellen. Otto Segers Sammlungen erschienen später auch als Separatdrucke.

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