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Die Natur und ihre Gewalt machten Angst. Vieles konnte man sich nicht erklären. Ein Schatten bei Vollmond oder das Funkeln von Tieraugen konnte zu einer schauerhaften Erzählung führen.

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Die Angst um das Überleben, vor dem Tod, vor dem Unbekannten war permanent vorhanden. Die Pfaffen auf den Kanzeln schürten diese Angst noch, um gottesfürchtige und ruhige Schäfchen zu hüten. Aufmüpfigkeit war des Teufels.

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Der Tod. Unberechenbar, unbekannt, kalt. Ihm wird eine Form gegeben.

Sagenwelt Liechtenstein

Sagen (Auswahl)

Das wilde Männlein

Auf Prufatscheng wohnte einst ein kleiner, armer Mann. Das Männlein war nackt und hütete den Bauern das Vieh. Als die Bauern einmal Mitleid mit dem Männlein hatten und ihm Kleider schenkten, da sagte das Männlein: «Wilda Ma, Chleid nid liida cha». Es verschwand und wurde nie mehr gesehen.

Das wilde Männlein «Das wilde Männlein» in Triesenberger Mundart erzählt von Andy Konrad

Der Weidmann

Oberhalb vom Guggerboda, auf der Weid, lebte ein kräftiger, starker Mann. So kräftig, gross und stark wie er war, so fromm und gottesfürchtig war er. Nur zur Messe ging er nicht. Zu dieser Zeit gab es in Triesenberg noch keine Kirche, und so hätte er nach Triesen gehen müssen. Die Triesner, die den Weidmann flüchtig kannten und ihn ob seiner Kraft auch fürchteten, beklagten sich bei ihrem Pfarrer, dass der Weidmann nie in der Kirche gesehen würde. Der Pfarrer bot nun die stärksten Triesner auf, den Weidmann zu holen und diesen zu ihm zu bringen, damit er ihn zur Rede stellen könnte.

Die Triesner kommen auf der Weid oben an und finden einen zu­vor­kom­men­den Mann vor, der sie sogleich mit Speise und Trank versorgt. Er geht in den Keller und holt ihnen Milch und Käse. In der einen Hand hält er eine Brente Milch und in der anderen einen grossen Käse. Die Triesner Männer erklären ihm beim Essen, dass der Triesner Pfarrer mit ihm wegen des Kirchenbesuchs reden wolle. Der Weidmann ist sogleich einverstanden und begleitet seine Besucher nach dem Essen nach Triesen. Die Triesner haben für das steile Gelände einen Stock in der Hand. Der Weidmann will auch so einen Stock. Kurzerhand reisst er eine kleine Tanne aus, entastet sie mit der blossen Hand.

In Triesen angekommen, ist gerade Messe und die Männer gehen mit dem Weidmann in die Kirche hinein. Nach der Messe sitzen der Triesner Pfarrer und der Weidmann zusammen, und der Pfarrer rügt ihn wegen seiner Gottlosigkeit, weil er nie zum Gottesdienst erscheine. Auch frägt er den Weidmann, wie es ihm denn gefallen habe. Der Weidmann erklärt, dass er die Messe schön gefunden hätte, bis auf die Stelle, als das blutende Büblein an den Zehen in die Höhe gehalten wurde. Zu dieser Zeit läuten gerade die Kirchenglocken zu Mittag. Der Pfarrer steht auf und betet. Der Weidmann bleibt sitzen. Auf die Mahnung des Pfarrers, zu Mittag jetzt auch zu beten, antwortet der Weidmann, dass es noch nicht zu Mittag läute, und er werde dann schon beten, wenn es soweit sei. Kurz darauf – die beiden sind wiederum im Gespräch – steht der Weidmann auf. Es läute jetzt zu Mittag, erklärt er, und er bete jetzt. Der Pfarrer aber hört das Läuten nicht. Der Weidmann sagt dem Pfarrer, er solle ihm auf den rechten Fuss stehen. Der Pfarrer tut es und hört ein herrliches Glockengeläute vom Himmel.

Daraufhin schickt der Pfarrer den Weidmann heim, und beim Abschied sagt er zu ihm, er solle leben wie bisher.

Der Weidmann «Der Weidmann» erzählt von Katja Langenbahn Schremser